
Newsletter ohne Einwilligung verschicken?
15. Dezember 2025
Mit seiner Entscheidung vom 4. Juli 2024 zur Rechtssache C-654/23 hat der Europäische Gerichtshof (EuGH) wichtige Klarstellungen zum Verhältnis zwischen DSGVO und E-Privacy-Richtlinie getroffen. Im Mittelpunkt stand die Frage, unter welchen Voraussetzungen Direktmarketing per E-Mail ohne ausdrückliche datenschutzrechtliche Einwilligung zulässig ist.
Betroffen war ein Geschäftsmodell, bei dem Nutzer online Informationen über die täglich erfolgenden Gesetzesänderungen in Rumänien erhielten. Dabei konnte sich der Nutzer (zunächst) kostenlos registrieren, um Zugang zu einer begrenzten Zahl von Artikeln zu erhalten, während weitergehende Inhalte kostenpflichtig waren. Bei der Registrierung konnte ein täglicher Newsletter, der sowohl redaktionelle Hinweise als auch Links zu kostenpflichtigen Inhaltsangeboten enthielt, abbestellt werden. Wenn man nichts ankreuzte, erhielt man automatisch den werblichen Newsletter. Es handelte sich daher um eine Opt-Out-Gestaltung der entsprechenden Zustimmung, im Gegensatz zu einer Opt-In-Alternative, bei der „nichts ankreuzen“ bedeuten würde, dass man keinen Newsletter erhält.
Die rumänische Datenschutzbehörde beanstandete diese Vorgangsweise und argumentierte, dass keine ausreichende Einwilligung eingeholt worden sei. Dabei verwies sie auf die etablierte Rechtsprechung, wonach eine Einwilligung nach DSGVO immer als Opt-In zu gestalten ist. Es seien daher bei tausenden Betroffenen Daten ohne Rechtsgrundlage verarbeitet worden, weshalb auch ein Bußgeld verhängt wurde.
Der Fall wurde nach der Erhebung mehrerer Rechtsmittel schließlich dem EuGH zur Vorabentscheidung vorgelegt. Im Zuge seiner Entscheidung kam der EuGH zum Schluss, dass eine Verarbeitung wie im konkreten Fall grundsätzlich zulässig sein kann. Dabei traf er zwei wesentliche Aussagen:
1. Auch die gratis Basisversion eines „Freemium“-Modells fällt unter den Begriff des „Verkaufs eines Produkts oder einer Dienstleistung“ gemäß E-Privacy-Richtlinie.
Modelle, bei denen eine gratis Basisversion mit der Möglichkeit zur kostenpflichtigen Funktionserweiterung angeboten wird, werden auch als „Freemium“ bezeichnet. Der EuGH hat klargestellt, dass auch hinsichtlich der kostenlosen Basisversion – wenn also noch überhaupt kein Geld geflossen ist – die Regelungen der E-Privacy-Richtlinie im Zusammenhang mit dem „Verkauf …einer Dienstleistung“ greifen, selbst wenn erst zu einem späteren Zeitpunkt (möglicherweise) Geld für die Leistungen gezahlt wird.
2. Die E-Privacy-Richtlinie geht der DSGVO in diesem Fall vor.
Sowohl DSGVO als auch E-Privacy-Richtlinie thematisieren den Newsletterversand. In der DSGVO ist hierfür in der Regel (aber auch nicht immer) eine Einwilligung notwendig. In der E-Privacy-Richtlinie besteht ein besonderer Erlaubnistatbestand für den Versand von Newslettern ohne Einwilligung. Die Voraussetzungen lauten dabei jeweils:
- DSGVO: ausdrückliche, informierte und freiwillige Einwilligung
- E-Privacy: Direktwerbung für Waren oder Dienstleistungen, wenn die verwendeten Daten im Zusammenhang mit dem Verkauf ähnlicher Waren oder Dienstleistungenerfasst wurden und der Kunde die Möglichkeit zum Opt-Out hatte.
Die E-Privacy-Ausnahme gilt daher nur in einem eingeschränkten sachlichen Bereich, nämlich im Zusammenhang mit Daten, die man beim Verkauf eines Produkts oder einer Dienstleistung erhält, und wenn die Direktwerbung für eigene Produkte oder Dienstleistungen erfolgt, die ähnlich sind. Im Gegensatz zur Einwilligung nach DSGVO sind jedoch weniger strenge Transparenzpflichten zu erfüllen. Darüber hinaus ist eine Gestaltung als Opt-Out ausreichend, im Gegensatz zum zwingenden Opt-In nach DSGVO.
Es ist daher meistens einfacher, die Voraussetzungen für die E-Privacy-Ausnahme zu erfüllen als jene für die DSGVO-Einwilligung. Es lag daher bislang im unternehmerischen Interesse zu argumentieren, dass in den betroffenen Fällen die E-Privacy-Ausnahme der DSGVO-Einwilligung vorgehen sollte und daher keine Einhaltung der DSGVO-Vorgaben notwendig ist.
Dafür sprach schon der Gesetzeswortlaut der DSGVO, wonach unter gewissen Umständen die E-Privacy-Richtlinie einen Anwendungsvorrang haben sollte. In welchen Fallkonstellationen diese Umstände vorliegen, ergibt sich jedoch nicht eindeutig aus dem Gesetz. Es ist daher im Sinne der Rechtssicherheit erfreulich, dass der EuGH hier nun Klarheit geschaffen hat: Bei elektronischer Post – somit insbesondere E-Mails und SMS – kann eine Direktwerbung an Bestandskunden unter Umständen auch ohne ausdrückliche Einwilligung erfolgen.
In diesem Zusammenhang ist noch zu beachten, dass auch allein nach der DSGVO, unabhängig von der E-Privacy-Richtlinie, eine Direktwerbung an Bestandskunden ohne Einwilligung zulässig sein kann. In den Erwägungsgründen der DSGVO wird das Interesse an Direktwerbung ausdrücklich als berechtigtes Interesse eines Unternehmens erwähnt. Das bedeutet zwar nicht, dass im Zuge der Interessenabwägung das Interesse des Kunden, keinen Newsletter zu erhalten, nicht doch überwiegen kann. Jedoch kann man – je nach Art der Waren und Dienstleistungen – gerade bei Bestandskunden argumentieren, dass die Direktwerbung auch in deren Interesse sein kann, etwa wenn sie Hinweise auf Rabatte für Produkte erhalten, die für sie relevant sind. Um sich auf diese Rechtsgrundlage zu stützen, müssen jedoch die entsprechenden Informationspflichten eingehalten werden.
Zusammengefasst ergeben sich somit folgende Punkte:
- E-Mail- und SMS-Direktwerbung an Bestandskunden kann auch ohne datenschutzrechtliche Einwilligung zulässig sein.
- Jedenfalls notwendig ist eine Opt-Out-Möglichkeit bei der Datenerhebung.
- Die Direktwerbung muss für ähnliche Waren und Dienstleistungen wie beim ursprünglichen Geschäft erfolgen.
- Ansonsten sollte immer auch im Blick behalten werden, dass auch allein nach DSGVO eine Direktwerbung aufgrund des berechtigten Interesses zulässig sein kann.
Ich und das Team von PENDL MAIR Rechtsanwälte OG stehen bei allen datenschutzrechtlichen Fragen gerne zur Verfügung.












































